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TECHNOLOGIE/PRODUKT-NEWS - 14.07.2025, 17:47 Uhr
Wir streamen uns kaputt – aber drucken nichts mehr?
Ist es nicht ein beruhigender Gedanke: Alles ist da. Jeder Song, jede Serie, jeder Film. Rund um die Uhr überall auf der Welt. Auf Abruf. Die dritte Staffel von Succession? Immer bereit. Wobei, welcher Streamingdienst war das nochmal… wo habe ich Halo gesehen? Und Jackie Brown, wo ist das Verfügbar? Da fällt mir ein, TOP GEAR Staffel 3 hatte ich doch gekauft… bei Apple?!

Achso… Geoblocking mag mir in diesem Land die Inhalte nicht freigeben… von wegen, immer verfügbar.
Wir leben in einem Zeitalter der totalen Verfügbarkeit, meistens. Ein Paradies aus Einsen und Nullen, in dem alles jederzeit erreichbar scheint – und ich sage, genau deshalb nichts mehr wirklich hängen bleibt. Aber ist das denn wichtig?
Die Verfügbarkeit, die Falle für „…kann ich später noch…“
Früher war Musik ein Ereignis: LP oder CD rausnehmen, Booklet lesen, hinsetzen, Album von vorne durchhören. Heute: Fünf Sekunden Intro, dann Skip. Ich konnte früher ziemlich genau sagen, wie ein Titel heißt und wo der drauf ist… weiß ich heute kaum noch. Titel finde ich eigtl. nur noch, wenn ich Shazam benutze… ahhh ja, stimmt, so heißt der Titel.
Visuelle Kunst? Früher ein Poster an der Wand, heute 40 Midjourney-Bilder pro Stunde. Texte? Früher sorgfältig gesetzt, perfekt in Grammatik und Rhythmus, heute generiert. Und noch mal generiert und dann egal, muss raus!
Leben wir deshalb unglücklicher? Manchmal, also ich… ich freue mich, wenn ich konkret weiß, was da läuft und warum der Titel entstanden ist. Ich weiß, warum das Cover aussieht, wie es aussieht. Ist das Wichtig? Nein! Macht es mich glücklich, dass immer alles verfügbar ist…? Ja, meist schon!
Wir „streamen uns kaputt“ – nicht, weil wir zu viel Inhalt hätten, sondern weil Inhalt nichts mehr wiegt. Alles rauscht. Alles rauscht vor allem durch. Die Halbwertszeit eines digitalen Mediums: kürzer als ein Espresso-Ginseng.
Denn eines darf in seiner Bedeutung nicht verkannt werden, ein nachhaltiges Medium, dass ich vielschichtig erlebe und erfasse, spüre und wahrnehme, hat eine andere Bedeutung für mich als Konsument und ist nachhaltig – das ist oft genug belegt worden (Mangen, Anne; Walgermo, Bente R.; 2013 Reading Linear Texts on Paper vs. Computer Screen).
Wert entsteht nicht durch den bloßen Zugriff, sondern durch Bedeutung
Was also macht den Unterschied? Es ist nicht der Zugriff als solches, sondern ob und wie mich das Medium berührt. Die reine einfache Verfügbarkeit reduziert womöglich sogar den gefühlten Wert. Konsumiere ich nicht heute, dann halt morgen, übermorgen… irgendwann… gar nicht. ABER, ich konnte noch nie so viel recherchieren und gegenhören oder lesen und ausprobieren, seitdem mir alles digital zu Füßen liegt. Verfügbarkeit ist daher nichts Schlechtes. Doch Bedeutung im Einzelnen entsteht dadurch nicht.
In der Medienproduktion – unserem ureigenen Feld – erleben wir diesen Wandel täglich. Auf der einen Seite das Versprechen der digitalen Transformation: schneller, flexibler, grenzenlos.
Auf der anderen Seite: eine wachsende Sehnsucht nach Spürbarkeit, nach Echtheit, nach Dingen, die bleiben. Authentizität, ein Begriff, der für die Zukunft noch viel wichtiger wird, als er es heute schon ist. Weder die große Weltpolitik überm Teich ist authentisch, noch haben wir dieses Vertrauen in die Bilder und Filmchen, die uns über SocialMedia usw. begegnen. Ein Foto-Shooting, oder der schnelle Griff zum KI-Generierten Bild?! Ein allgemeines Szenebild aus der KI? Oder ein aufwändig erstelltes Bild (natürlich mit Unterstützung von KI, why not?!). Übrigens, ein schnell heruntergehudeltes, reales Printobjekt hat auch keine Bedeutung, also gilt auch hier, die bloße Authentizität machts auch nicht.
Ein Gespräch mit einem Fotografen das ich vor eine Woche geführt hatte endete sinngemäß so: „Wir können das Bild komplett echt machen, oder halb, halb, aber den Hintergrund zu 100% reinschneiden, dass wird man merken…ist nicht echt“.
Ich tue mich ehrlich schwer. Ist das so? Oder kann er es nur nicht besser? Wird unser Auge „schärfer“ und wird KI-Bilder herausfiltern können? Oder wird eher die KI immer besser, viel schneller als unser Auge „smarter“ werden kann (ich würde eher darauf wetten). Hier muss klargestellt werden, KI und Bilder/Fotos sind keine Gegner, für mich ist es eine Partnerschaft!
Es kommt also der Tag, da steht dann nicht mehr „dieses Video wurde mit Hilfe von KI erstellt!“ nein, nein, es wird stehen „dieses Video wurde ohne die Hilfe von KI real gefilmt“ – was ist der neue Standard…?! Ich glaube… so. Der letzte Blockbuster von Tom Cruse legte viel Wert auf, möglichst echte Stunts. Schon Mad Max 4 vor 10 Jahren hat betont, alle Verfolgungsszene ohne CGI umgesetzt zu haben, die Lust am Realen, war immer da und wird stärker formiert umso mehr sie verdrängt wird.
Und genau deshalb hat ein klug gestaltetes Printprodukt heute mehr Impact als je zuvor – nicht trotz, sondern wegen der digitalen Dauerbeschallung und einfachen Kurzlebigkeit des bunten digitalen. Es hebt sich ab und ist Real. Es verlangt Aufmerksamkeit und mehr Zeit. Es verlangt überhaupt etwas – und das ist inzwischen fast schon revolutionär. Daraus ergibt sich auch die Schlussfolgerung, das kann nicht für jedes Produkt gelten.
Vielleicht sollten wir wieder mehr real werden lassen – nicht aus Sentimentalität, sondern sinnvoll, wo es sinn macht
Vielleicht ist es Zeit, etwas zurückzuholen. Nicht alles. Aber das, was zählt, was uns wichtig ist, was dem Kunden wichtig wird.
Eine Zusammenfassung des konfigurierten Möbelstücks, PKWs, Reiseerlebnis mit Bild haptischen Elementen, weil es uns was bedeutet. Die Einladung zum Event. Der Report und die Analysen, die man gerne in der Hand hält, schwer, bedeutend und schnell zum Nachschlagen. Eine wertschaffende Verpackung mit entsprechender Beilage und Ansprache. Die Marke, die durch Papier und Prägung wieder Substanz bekommt. Nicht, weil es hip ist – sondern, weil es sich absetzt vom sonstigen Rauschen. Weitere, bessere Beispiele? Gerne, ich höre zu!
Wir streamen uns kaputt. Aber wenn alles nur noch digital ist, wird das Physische zur Ausnahme – und damit zur Chance Eindruck zu machen. Ist das ein Altersphänomen? Ich glaube nicht. Die jüngere Generation hängt weniger dran, da es weniger davon vermisst – ich glaube dennoch, dass Eindruck auch in dieser jüngeren Generation möglich ist.
Nutzen wir die Chance.
Wie geht’s es Ihnen damit? Auch mal wieder Lust real zu blättern? Wie sind ihre persönlichen Erfahrungen und die mit den jüngeren in Ihrer Umgebung? Ist alles digitale besser und wertvoller? Spielt das reale, gedruckte eine Rolle? Wenn ja, welche?
Ich freue mich auf Ihr Feedback und Ihre Beiträge – hauen Sie doch einfach mal Ihre Meinung raus!
Fröhliche Grüße aus dem Land der blühenden Zitronen.
Ihr Harry Steiert
Weitere Informationen: https://www.f-mp.de/expertenthemen/FMP-TechScope


